Podiumsdiskussion zum Abschluss der 26. Universitätswochen

Diskutierten in der Kundenhalle der Sparkasse am Niederrhein über Risiken und Chancen der Nanotechnologie (v.l.n.r.): Professor Alfred Nordmann, Professor Ralf Schmoll, Moderator Ingolf Baur und Dr. Thomas Kuhlbusch.

MOERS. Die Nanotechnologie bietet Chancen, birgt aber auch Risiken und benötigt deshalb bessere Regulierungen. Nur eine Woche, nachdem an gleicher Stelle Professor Christof Schulz sein Publikum mit verheißungsvollen Visionen beeindruckt hatte, traten die Experten bei der Podiumsdiskussion zum Abschluss der 26. Universitätswochen auf die Euphoriebremse. Vor rund 250 Zuhörern in der Kundenhalle der Sparkasse am Niederrhein stellte der Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator Ingolf Baur seinen Gesprächpartnern vor allem kritische Fragen. Immerhin stünden in den Regalen der Supermärkte aktuell rund 1300 Lebensmittelprodukte, die Nanopartikel enthielten. Alles unbedenklich?

Für Professor Ralf Schmoll von Evonik schon: „Nanoteilchen werden bereits seit den 1940er-Jahren beispielsweise in Farben oder Zahnpasta verwendet – nur hießen die damals noch nicht so.“ Für Privatdozent Dr. Thomas Kuhlbusch vom Institut für Energie- und Umwelttechnik ist das kein Argument für die Unbedenklichkeit, er folgerte: „In gewisser Weise waren wir alle Versuchskaninchen.“ Denn seriöse Kontrollen und Vorsorgemaßnahmen gäbe es erst seit rund acht Jahren, ergänzte Professor Alfred Nordmann, Wissenschaftsphilosoph an der TU Darmstadt. „Keiner will eine Katastrophe wie damals beim Asbest“, sagte Professor Nordmann und fügte hinzu: „Aber zugleich traut sich auch keiner, eine gesundheitliche Unbedenklichkeit zu versprechen.“

Immerhin wende die Industrie erhebliche Mittel zur Vorsorge und Risikoforschung auf, so Professor Schmoll. „Ich halte die derzeitigen fünf Prozent des Umsatzes für nicht ausreichend“, konterte Dr. Kuhlbusch und forderte eine Verdoppelung der Aufwendungen zum Wohl der Menschen und der Umwelt. „Ergänzt durch eine Nanoethik, die sich aus den gesellschaftlichen Debatten zu entwickeln scheint“, sagte Professor Nordmann. Das wünschte sich auch Moderator Ingolf Baur und ließ nicht locker, bis er am Beispiel des Nanosilbers von Dr. Kuhlbusch eine ganz praktische Handlungsempfehlung bekam: „Nanosilber ist in der Medizin wegen seiner antibakteriellen Wirkung ein Segen – aber von versilberten Socken und Shirts würde ich die Finger lassen.“ Das Risiko, dass sich ähnlich wie bei Antibiotika Resistenzen entwickelten, sei einfach zu groß.

Einig waren sich alle Experten, dass die Nanotechnologie in ihren Anfängen zu viele Versprechen gemacht hätte, die heute noch nicht eingelöst seien. Dennoch, die Nanotechnik werde sich zu einem wichtigen Instrument entwickeln, um an den Schnittstellen von Physik, Biologie und Chemie Probleme zu lösen. Ingolf Baur wollte es genauer wissen: „Was wird die nächste Killer-Anwendung?“ Druckbare Elektronik, die ultraflache Batterien ermöglicht, so Professor Schmoll. Auf intelligente, hoch isolierende Baumaterialien tippte Dr. Kuhlbusch. Und Professor Nordmann prophezeite: „Nanosensorik in Verbindung mit modernster Informationstechnik wird es uns ermöglichen, unsere Körperfunktionen immer und überall zu messen und zu überwachen.

25.10.2013